Es ist ein politisches Signal, mit dem so kaum jemand gerechnet hat: Hendrik Streeck, Virologe, CDU-Bundestagsabgeordneter und seit 2025 Drogen- und Suchtbeauftragter der Bundesregierung, hat sich als erster Unionspolitiker ausdrücklich dafür ausgesprochen, in Pilotprojekten den legalen Verkauf von Cannabis an Erwachsene zu erlauben. „Bei möglichen Modellvorhaben wäre ich persönlich offen, aber nur unter sehr strengen Bedingungen", sagte Streeck dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).
Warum das überrascht: Die CDU hat die Legalisierung bekämpft
Die Union — und mit ihr weite Teile der CSU — hat das Cannabisgesetz (CanG) der Ampel-Koalition seit dem ersten Entwurf abgelehnt. Im Wahlkampf 2025 hatte die CDU sogar mit der vollständigen Rücknahme der Teillegalisierung geworben. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) attackiert die Cannabis-Forschung der EKOCAN-Evaluation öffentlich, Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) arbeitet an Einschränkungen für die Verschreibung von Medizinalcannabis.
Vor diesem Hintergrund ist Streecks Vorstoß ein politisches Erdbeben in der eigenen Fraktion. Er ist der erste Unionspolitiker, der das umsetzen will, was die Ampel mit der nie verabschiedeten „Säule 2" eigentlich geplant hatte: regionale Modellprojekte mit lizenzierter Abgabe an Erwachsene, wissenschaftlich begleitet — vergleichbar mit dem Schweizer Grashaus Projects.
Streecks Bedingungen: streng, aber pragmatisch
Streeck verbindet sein Ja zu Modellprojekten mit klaren Leitplanken. Im RND-Interview nennt er:
- Keine Normalisierung, keine kommerzielle Ausweitung, keine Werbung.
- Keine Abgabe an junge Erwachsene — denkbar wäre eine Altersgrenze von 25 Jahren.
- Begrenzte Mengen — beispielsweise rund fünf Gramm pro Abgabe.
- Enge wissenschaftliche Begleitung der Modellprojekte.
- Konsum nicht „auf Marktplätzen, in Fußgängerzonen oder an Orten, an denen sich viele Kinder und Jugendliche aufhalten".
Auch die Cannabis Social Clubs nimmt Streeck in den Blick: „Wenn Anbauvereine so kompliziert reguliert sind, dass sie kaum funktionieren, entsteht keine Kontrolle, sondern Ausweichverhalten." Klingt nach Hardliner-Wortwahl — bedeutet in der Konsequenz aber eine Vereinfachung der bestehenden Regeln, nicht ihre Verschärfung.
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Jetzt Patient werden →Der entscheidende Punkt: Versorgungslücke und der „Mischmarkt"
Streecks eigentliches Argument ist kein ideologisches, sondern ein realpolitisches: In Deutschland konsumieren rund fünf Millionen Menschen regelmäßig Cannabis. „Das können wir nicht ignorieren", sagte er dem RND. Solange es keinen legalen Bezugsweg für Erwachsene gibt, weichen Konsument:innen massenhaft auf den medizinischen Weg aus — mit teils fragwürdigen Online-Verschreibungen.
Genau hier liegt die Versorgungslücke, die Streecks Vorstoß schließen würde. Die Zahlen sprechen für sich: Laut Bundesgesundheitsministerium ist der Import von Medizinalcannabis vom ersten zum zweiten Halbjahr 2024 um 170 Prozent gestiegen — während die Zahl der Cannabis-Verordnungen zulasten der gesetzlichen Krankenkassen im selben Zeitraum nur um 9 Prozent zunahm. Die Differenz erklärt sich fast vollständig durch Privatrezepte über Online-Plattformen.
Streeck nennt das einen „gefährlichen Mischmarkt": „Wenn über Onlineplattformen massenhaft Cannabis mit fragwürdigen Verfahren verschrieben wird, beschädigt das am Ende auch die Akzeptanz echter medizinischer Anwendungen." Sein Fazit: „Wer Cannabis medizinisch braucht, muss es weiterhin bekommen. Aber der medizinische Weg darf nicht zum Ersatzmodell für Konsum werden."
Warum legale Modellprojekte den Druck nehmen würden
Die Logik ist einfach: Wer Cannabis legal und kontrolliert in einem Fachgeschäft kaufen kann, braucht keinen Umweg über eine Telemedizin-Plattform und kein Privatrezept. Modellprojekte könnten damit gleich mehrere Probleme entschärfen:
- Versorgungslücke schließen: Erwachsene Freizeitkonsument:innen bekommen einen legalen, qualitätskontrollierten Bezugsweg — ohne den medizinischen Pfad zu belasten.
- Druck auf das Verschreibungssystem nehmen: Wer keine medizinische Indikation hat, braucht auch kein Rezept. Das entlastet Ärzt:innen, Apotheken und die GKV.
- Echte Patient:innen schützen: Wenn der „Graubereich" der Privatverschreibung schrumpft, gewinnt der medizinische Cannabis-Markt wieder Glaubwürdigkeit — gerade auch vor dem Hintergrund der geplanten Streichung der GKV-Erstattung für Cannabisblüten.
- Schwarzmarkt austrocknen: Genau das ist das ursprüngliche Ziel jeder Cannabis-Regulierung — und ohne legalen Vertriebsweg für Erwachsene faktisch nicht erreichbar.
- Daten gewinnen: Wissenschaftlich begleitete Pilotprojekte liefern endlich belastbare deutsche Zahlen statt politischer Vermutungen.
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Eine rechtliche Grundlage existiert bereits: Die Konsumcannabisforschungsverordnung (KCanForschV), die Ex-Landwirtschaftsminister Cem Özdemir 2024 in Kraft gesetzt hat, erlaubt wissenschaftliche Vorhaben zum Anbau und Vertrieb. Zuständig ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) — die bislang allerdings alle eingereichten Anträge abgelehnt hat. Eine politische Neubewertung durch das zuständige Ministerium könnte hier sofort Bewegung bringen, ohne dass ein neues Gesetz nötig wäre.
Ob Streecks Vorstoß in der Union mehrheitsfähig wird, ist offen. Innerhalb der CDU/CSU gibt es klare Gegenstimmen, und die Koalition mit der SPD verläuft beim Thema Cannabis quer zu den klassischen Lagern: Während die SPD die Einschränkungen beim Medizinalcannabis blockiert, könnte sie Modellprojekten grundsätzlich offen gegenüberstehen. Eine Allianz zwischen SPD-Pragmatikern und CDU-Evidenzpolitikern wie Streeck wäre rechnerisch möglich.
Fazit: Realismus statt Symbolpolitik
Streecks Position ist konservativ in der Form — Altersgrenze 25, kleine Mengen, keine Werbung — aber progressiv in der Sache. Indem er die Versorgungslücke benennt und die Vermischung von Medizin- und Freizeitkonsum als Problem adressiert, durchbricht er die ideologische Frontstellung, in der die Cannabis-Debatte in Deutschland seit Jahren feststeckt. Für die rund fünf Millionen erwachsenen Konsument:innen könnte das endlich der Einstieg in einen geordneten, legalen Markt werden. Und für echte Patient:innen würde es bedeuten: Ihr Weg über Arzt und Apotheke wird wieder das, was er sein sollte — eine medizinische Versorgung, kein Workaround.
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Quelle: RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) — Interview mit Hendrik Streeck.
It's a political signal that hardly anyone expected: Hendrik Streeck, virologist, CDU member of the Bundestag, and since 2025 Federal Government Commissioner for Drugs and Addiction, has become the first CDU politician to explicitly advocate for allowing the legal sale of cannabis to adults in pilot projects. "For potential model projects, I would personally be open, but only under very strict conditions," Streeck told RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).
Why This is Surprising: The CDU Fought Legalization
The Union—and with it large parts of the CSU—has rejected the Cannabis Act (CanG) of the Ampel coalition since its first draft. In the 2025 election campaign, the CDU even campaigned with the complete reversal of partial legalization. Interior Minister Alexander Dobrindt (CSU) publicly attacks the cannabis research of the EKOCAN-Evaluation, while Health Minister Nina Warken (CDU) is working on restrictions for the prescription of medical cannabis.
Against this backdrop, Streeck's initiative is a political earthquake within his own parliamentary group. He is the first Union politician who wants to implement what the Ampel had actually planned with the never-passed "Pillar 2": regional model projects with licensed dispensing to adults, scientifically monitored—comparable to the Swiss Grashaus Projects.
Streeck's Conditions: Strict but Pragmatic
Streeck connects his 'yes' to model projects with clear guardrails. In the RND interview, he mentions:
- No normalization, no commercial expansion, no advertising.
- No dispensing to young adults — a possible age limit could be 25 years.
- Limited quantities — for example, around five grams per dispense.
- Close scientific monitoring of the model projects.
- Consumption not "in marketplaces, pedestrian zones, or places where many children and young people gather."
Streeck also considers Cannabis Social Clubs: "If cultivation associations are regulated so complicatedly that they barely function, there will be no control, but rather evasive behavior." This sounds like hardliner rhetoric—but in effect, it means a simplification of existing rules, not their tightening.
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Become a patient now →The Crucial Point: Supply Gap and the "Mixed Market"
Streeck's real argument is not ideological, but real-political: Around five million people in Germany consume cannabis regularly. "We cannot ignore that," he told RND. As long as there is no legal avenue for adults to obtain it, consumers are massively resorting to the medical route – sometimes with questionable online prescriptions.
This is precisely where the supply gap lies that Streeck's initiative would close. The numbers speak for themselves: According to the Federal Ministry of Health, the import of medical cannabis increased by 170 percent from the first to the second half of 2024 – while the number of cannabis prescriptions at the expense of statutory health insurance funds rose by only 9 percent in the same period. The difference is almost entirely explained by private prescriptions via online platforms.
Streeck calls this a "dangerous mixed market": "If cannabis is massively prescribed via online platforms using questionable procedures, it ultimately damages the acceptance of genuine medical applications." His conclusion: "Those who medically need cannabis must continue to receive it. But the medical route must not become a substitute model for consumption."
Why Legal Model Projects Would Alleviate Pressure
The logic is simple: anyone who can legally and controllably buy cannabis in a specialized store does not need to resort to a telemedicine platform or a private prescription. Model projects could thus mitigate several problems:
- Close the supply gap: Adult recreational users get a legal, quality-controlled source – without burdening the medical path.
- Relieve pressure on the prescription system: Those who don't have a medical indication don't need a prescription. This relieves doctors, pharmacies, and statutory health insurance.
- Protect real patients: If the "grey area" of private prescriptions shrinks, the medical cannabis market regains credibility – especially in light of the planned elimination of GKV reimbursement for cannabis flowers.
- Dry up the black market: This is precisely the original goal of any cannabis regulation – and practically unattainable without a legal distribution channel for adults.
- Gain data: Scientifically accompanied pilot projects finally provide reliable German figures instead of political conjectures.
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Become a patient now →What needs to happen now
A legal basis already exists: the KCanForschV (Cannabis Consumption Research Ordinance), which former Minister of Agriculture Cem Özdemir put into force in 2024, allows scientific projects for cultivation and distribution. The Federal Agency for Agriculture and Food (BLE) is responsible—but so far, it has rejected all submitted applications. A political reevaluation by the responsible ministry could immediately bring momentum here, without the need for a new law.
Whether Streeck's initiative will gain majority support within the Union remains to be seen. There are clear dissenting voices within the CDU/CSU, and the coalition with the SPD on cannabis crosses traditional party lines: While the SPD blocks restrictions on medical cannabis, it could generally be open to model projects. An alliance between SPD pragmatists and CDU evidence-based politicians like Streeck would be numerically possible.
Conclusion: Realism instead of symbolic politics
Streeck's position is conservative in form — age limit 25, small quantities, no advertising — but progressive in substance. By naming the supply gap and addressing the mixing of medical and recreational consumption as a problem, he breaks through the ideological stalemate that has held the cannabis debate in Germany captive for years. For the approximately five million adult consumers, this could finally be the entry into an orderly, legal market. And for real patients, it would mean: their pathway through a doctor and pharmacy will once again be what it should be — medical care, not a workaround.
Until legal model projects arrive, the regular path via telemedicine and pharmacy remains for patients with medical indication. Our Product Finder shows you which strain suits your condition in three short questions — and you can find a provider comparison under Become a patient.
Source: RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) — Interview with Hendrik Streeck.


