Streeck überrascht: CDU-Drogenbeauftragter offen für legalen Cannabis-Verkauf in Modellprojekten
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    Streeck überrascht: CDU-Drogenbeauftragter offen für legalen Cannabis-Verkauf in Modellprojekten

    Redaktion
    ·29. Mai 2026

    Es ist ein politisches Signal, mit dem so kaum jemand gerechnet hat: Hendrik Streeck, Virologe, CDU-Bundestagsabgeordneter und seit 2025 Drogen- und Suchtbeauftragter der Bundesregierung, hat sich als erster Unionspolitiker ausdrücklich dafür ausgesprochen, in Pilotprojekten den legalen Verkauf von Cannabis an Erwachsene zu erlauben. „Bei möglichen Modellvorhaben wäre ich persönlich offen, aber nur unter sehr strengen Bedingungen", sagte Streeck dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

    Warum das überrascht: Die CDU hat die Legalisierung bekämpft

    Die Union — und mit ihr weite Teile der CSU — hat das Cannabisgesetz (CanG) der Ampel-Koalition seit dem ersten Entwurf abgelehnt. Im Wahlkampf 2025 hatte die CDU sogar mit der vollständigen Rücknahme der Teillegalisierung geworben. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) attackiert die Cannabis-Forschung der EKOCAN-Evaluation öffentlich, Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) arbeitet an Einschränkungen für die Verschreibung von Medizinalcannabis.

    Vor diesem Hintergrund ist Streecks Vorstoß ein politisches Erdbeben in der eigenen Fraktion. Er ist der erste Unionspolitiker, der das umsetzen will, was die Ampel mit der nie verabschiedeten „Säule 2" eigentlich geplant hatte: regionale Modellprojekte mit lizenzierter Abgabe an Erwachsene, wissenschaftlich begleitet — vergleichbar mit dem Schweizer Grashaus Projects.

    Streecks Bedingungen: streng, aber pragmatisch

    Streeck verbindet sein Ja zu Modellprojekten mit klaren Leitplanken. Im RND-Interview nennt er:

    • Keine Normalisierung, keine kommerzielle Ausweitung, keine Werbung.
    • Keine Abgabe an junge Erwachsene — denkbar wäre eine Altersgrenze von 25 Jahren.
    • Begrenzte Mengen — beispielsweise rund fünf Gramm pro Abgabe.
    • Enge wissenschaftliche Begleitung der Modellprojekte.
    • Konsum nicht „auf Marktplätzen, in Fußgängerzonen oder an Orten, an denen sich viele Kinder und Jugendliche aufhalten".

    Auch die Cannabis Social Clubs nimmt Streeck in den Blick: „Wenn Anbauvereine so kompliziert reguliert sind, dass sie kaum funktionieren, entsteht keine Kontrolle, sondern Ausweichverhalten." Klingt nach Hardliner-Wortwahl — bedeutet in der Konsequenz aber eine Vereinfachung der bestehenden Regeln, nicht ihre Verschärfung.

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    Der entscheidende Punkt: Versorgungslücke und der „Mischmarkt"

    Streecks eigentliches Argument ist kein ideologisches, sondern ein realpolitisches: In Deutschland konsumieren rund fünf Millionen Menschen regelmäßig Cannabis. „Das können wir nicht ignorieren", sagte er dem RND. Solange es keinen legalen Bezugsweg für Erwachsene gibt, weichen Konsument:innen massenhaft auf den medizinischen Weg aus — mit teils fragwürdigen Online-Verschreibungen.

    Genau hier liegt die Versorgungslücke, die Streecks Vorstoß schließen würde. Die Zahlen sprechen für sich: Laut Bundesgesundheitsministerium ist der Import von Medizinalcannabis vom ersten zum zweiten Halbjahr 2024 um 170 Prozent gestiegen — während die Zahl der Cannabis-Verordnungen zulasten der gesetzlichen Krankenkassen im selben Zeitraum nur um 9 Prozent zunahm. Die Differenz erklärt sich fast vollständig durch Privatrezepte über Online-Plattformen.

    Streeck nennt das einen „gefährlichen Mischmarkt": „Wenn über Onlineplattformen massenhaft Cannabis mit fragwürdigen Verfahren verschrieben wird, beschädigt das am Ende auch die Akzeptanz echter medizinischer Anwendungen." Sein Fazit: „Wer Cannabis medizinisch braucht, muss es weiterhin bekommen. Aber der medizinische Weg darf nicht zum Ersatzmodell für Konsum werden."

    Warum legale Modellprojekte den Druck nehmen würden

    Die Logik ist einfach: Wer Cannabis legal und kontrolliert in einem Fachgeschäft kaufen kann, braucht keinen Umweg über eine Telemedizin-Plattform und kein Privatrezept. Modellprojekte könnten damit gleich mehrere Probleme entschärfen:

    • Versorgungslücke schließen: Erwachsene Freizeitkonsument:innen bekommen einen legalen, qualitätskontrollierten Bezugsweg — ohne den medizinischen Pfad zu belasten.
    • Druck auf das Verschreibungssystem nehmen: Wer keine medizinische Indikation hat, braucht auch kein Rezept. Das entlastet Ärzt:innen, Apotheken und die GKV.
    • Echte Patient:innen schützen: Wenn der „Graubereich" der Privatverschreibung schrumpft, gewinnt der medizinische Cannabis-Markt wieder Glaubwürdigkeit — gerade auch vor dem Hintergrund der geplanten Streichung der GKV-Erstattung für Cannabisblüten.
    • Schwarzmarkt austrocknen: Genau das ist das ursprüngliche Ziel jeder Cannabis-Regulierung — und ohne legalen Vertriebsweg für Erwachsene faktisch nicht erreichbar.
    • Daten gewinnen: Wissenschaftlich begleitete Pilotprojekte liefern endlich belastbare deutsche Zahlen statt politischer Vermutungen.

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    Was jetzt passieren müsste

    Eine rechtliche Grundlage existiert bereits: Die Konsumcannabisforschungsverordnung (KCanForschV), die Ex-Landwirtschaftsminister Cem Özdemir 2024 in Kraft gesetzt hat, erlaubt wissenschaftliche Vorhaben zum Anbau und Vertrieb. Zuständig ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) — die bislang allerdings alle eingereichten Anträge abgelehnt hat. Eine politische Neubewertung durch das zuständige Ministerium könnte hier sofort Bewegung bringen, ohne dass ein neues Gesetz nötig wäre.

    Ob Streecks Vorstoß in der Union mehrheitsfähig wird, ist offen. Innerhalb der CDU/CSU gibt es klare Gegenstimmen, und die Koalition mit der SPD verläuft beim Thema Cannabis quer zu den klassischen Lagern: Während die SPD die Einschränkungen beim Medizinalcannabis blockiert, könnte sie Modellprojekten grundsätzlich offen gegenüberstehen. Eine Allianz zwischen SPD-Pragmatikern und CDU-Evidenzpolitikern wie Streeck wäre rechnerisch möglich.

    Fazit: Realismus statt Symbolpolitik

    Streecks Position ist konservativ in der Form — Altersgrenze 25, kleine Mengen, keine Werbung — aber progressiv in der Sache. Indem er die Versorgungslücke benennt und die Vermischung von Medizin- und Freizeitkonsum als Problem adressiert, durchbricht er die ideologische Frontstellung, in der die Cannabis-Debatte in Deutschland seit Jahren feststeckt. Für die rund fünf Millionen erwachsenen Konsument:innen könnte das endlich der Einstieg in einen geordneten, legalen Markt werden. Und für echte Patient:innen würde es bedeuten: Ihr Weg über Arzt und Apotheke wird wieder das, was er sein sollte — eine medizinische Versorgung, kein Workaround.

    Bis legale Modellprojekte kommen, bleibt für Patient:innen mit medizinischer Indikation der reguläre Weg über Telemedizin und Apotheke. Welche Sorte zu deinem Beschwerdebild passt, zeigt dir unser Produkt-Finder in drei kurzen Fragen — und einen Anbieter-Vergleich findest du unter Patient werden.

    Quelle: RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) — Interview mit Hendrik Streeck.

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